Kreisgruppe Minden-Lübbecke

30 Jahre Bund Petershagen 1986 - 2016

Naturnahe Umgestaltung der Ösper 2014

Ösper nach der Umgestaltung mit naturnaher Gewässerstruktur

Die ca. 15 km lange Ösper fließt größtenteils durch das Stadtgebiet von Petershagen und mündet in der Ortschaft Petershagen in die Weser. Im Jahre 2014 wurde dort ein 1,2 km langer Gewässerabschnitt naturnäher gestaltet. Dafür hatte sich die Ortsgruppe zusammen mit anderen Gewässerschützern schon lange stark gemacht.
Zur Vorgeschichte: Noch in den 1960iger Jahren war die Ösper ein vielgestaltiges Gewässer, mit typischer Tier- und Pflanzenwelt. Aber dann wurde auch dieser Bach wie fast alle kleinen Fließgewässer im Norddeutschen Tiefland begradigt und zum Vorfluter ausgebaut. Die Aue sollte von Hochwasser frei sein, um sie intensiv landwirtschaftlich nutzen zu können.
Gegen diesen rücksichtslosen Ausbau wehrten sich die Gewässerschützer. Hatte es schon vorher regelmäßig Aktionen gegeben, um mehr Naturnähe für die Ösper zu fordern, so kam es 2008/2009 zu einer breiten Öffentlichkeitsarbeit. In einer Ausstellung zur Entwicklungsgeschichte des Baches hatte der BUND Petershagen vor allem auch über die EU-Wasserrahmenrichtlinie aus dem Jahre 2000 informiert und auf die daraus erwachsenen Chancen für den örtlichen Gewässerschutz hingewiesen. Das Buch der Ortsheimatpflege zum gleichen Thema, Unterrichtsprojekte mit dem örtlichen Gymnasium. Exkursionen entlang der Ösper, Vorträge – alle diese Aktivitäten hielten über Jahre die Aufmerksamkeit wach und schafften in der Bevölkerung das Bewusstsein, dass etwas für die heimischen Gewässer getan werden muss. Das Wassernetz NRW, das Gewässerschutz-Netzwerk von BUND, NABU und LNU, unterstützte die Ortsgruppe bei der Umsetzung ihrer Forderungen.
So kam es dazu, dass auch die Politik schließlich mitzog. Im Herbst 2014 erhielt die Ösper Jahrzehnte nach ihrer Begradigung im Bereich zwischen Hafen und B 61 wieder eine vielgestaltige Gewässerstruktur. Weitere Renaturierungsprojekte sind seitdem in Petershagen umgesetzt worden. 

Aktivitäten in den 80er/90er Jahren

BUND-Mitglieder in Petershagen sorgten sich: Ist der Sand belastet?  (Foto BUND Petershagen)

Super-Gau: Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Atomkraftwerks Tschernobyl. Große Mengen radioaktiven Materials wurden freigesetzt und verbreiteten sich in ganz Europa. Von einem Tag auf den anderen drohte eine Gefahr, die man weder sehen noch riechen konnte. Viele Menschen, auch in Petershagen, fragten sich, wie sich die Strahlung auf Mensch, Flora und Fauna auswirkt. Können wir unsere Kinder draußen spielen lassen, solange das bei der Explosion freigesetzte  Jod 131 noch nicht abgeklungen ist? Dürfen wir noch Pilze, Beeren oder Wildfleisch essen? Nach Gründung der Ortsgruppe trafen sich Mitglieder und Interessierte monatlich zu Vorträgen mit fachkundigen Referenten. Alternativen zu Verhaltens- und Ernährungsgewohnheiten wurden diskutiert und  neue Energieformen vorgestellt.     

Verblichener Pyrolyse-Aufkleber an Laternenpfahl im Zentrum von Petershagen (Foto: BUND Petershagen)

Hausmüllpyrolyse in Petershagen-Heisterholz

1985 beschloss der Kreistag Minden-Lübbeck, im Bereich Abfallentsorgung einen neuen Weg zu beschreiten. Im Ortsteil Heisterholz sollte eine Pyrolyseanlage zur Verschwelung von Müll entstehen. Die Konzeption der Anlage beruhte darauf, den Papier- und Kunstoffanteil sowie die Textilien vom Gesamt-hausmüll zu trennen und thermisch zu verwerten. In der Fachöffentlichkeit aber war die Unausgereiftheit der Pyrolysetechnologie und die Umweltauswirkungen auf die Schadstoffpfade Luft, Abwasser, Boden und Reststoffe  bereits bekannt. Der Bundesverbandes des BUND hatte ein Faktenblatt herausgegeben mit dem Titel „Der Müll schwelt im Ungewissen“, in der die Veröffentlichungen zur Hausmüllpyrolyse zusammengetragen worden waren. Der Verfasser war Dr. Harald Friedrich, ab 1986 erster Vorsitzender des BUND Petershagen. Die Ortsgruppe informierte die Bürger, z. B. in einem Faltblatt „Seveso-Dioxin in Heisterholz?“ oder auf Informationsveranstaltungen über die  Gefahren der Anlage. Der öffentliche Widerstand wuchs innerhalb kurzer Zeit. Und er dauerte an, trotz zahlreicher Widrigkeiten, die in der Folgezeit zu überwinden waren. So überreichte im August 1990  eine Delegation des BUND Petershagen mit weiteren Petershäger Bürgern dem Regierungspräsidenten in Detmold 6 412 Einwendungen gegen die geplante Hausmüllpyrolyse. Die „unwirkliche Geschichte der Hausmüllpyrolyse endete erst im Mai 1991, als der Regierungspräsident Detmold den Planfestellungsantrag des Kreises Minden-Lübbecke  auf Errichtung und Betrieb einer Pyrolyseanlage ablehnte. Ein großer Erfolg für die Protestbewegung um den BUND!In mehreren Fachzeitschriften erschien der Artikel "Eine unwirkliche Geschichte - Hausmüllpyrolyse im Kreis Minden-Lübbecke". Der LINK verweist auf den Auszug aus der Fachzeitschrift für Alternative Kommunal Politik (AKP): Juni1991_Hausmuellpyrolyse_AKP.pdf   

"Kalte Verfahren" - eine realistische Alternative zu Müllverbrennungsanlagen

So lautete einer der vielen Vorträge, mit denen Wolfgang Battermann und Wolfgang Teifel vom BUND Petershagen "kalte Verfahren" zur Restmüllbe-handlung, die Biologisch–Mechanische Abfallbehandlung (BMA), auch über den Kreis hinaus bekannt machten. Um mit dem rasant steigenden Wohlstandsmüll fertig zu werden, erschien die Verbrennung als die einfachste Lösung. Der BUND Petershagen stellte das umweltschonende "kalte Verfahren" der umweltschädlichen und teureren Müllverbrennung gegenüber (siehe Tabelle rechts). Der Einsatz hatte Erfolg, allerdings erst später. Die von der Ortsgruppe ab Ende der 1980er Jahre propagierte BMA wurde 2005 als MBA (Mechanisch-Biologische Abfallbehandlung) auf dem Entsorgungszentrum des Kreises Pohlsche Heide eingeführt. Nach der "Technischen Anleitung Siedlungsabfall" (TASI) dürfen Abfälle nicht mehr unbehandelt deponiert werden.

Die Verarbeitung von organischen Abfällen zu wertvollem Kompost, eine weitere Forderung der Petershäger Gruppe, findet seit 1995 im Kompostwerk der Pohlschen Heide statt. Durch Sortierung und Vorbehandlung des Abfalls in der MBA hat sich der Restmüll drastisch reduziert. Sehr wichtig war es der Ortsgruppe, dass auch dieser Restmüll umweltgerecht deponiert wird. Dr. Harald Friedrich setzte sich für eine Abdichtung des Untergrundes der Deponieflächen zur Vermeidung von Grundwasser- und Bodenverunreinigung ein. Diese hat heute Vorbildcharakter. Zur heutigen MBA im Entsorgungszentrum Pohlsche Heide siehe https://www.kavg-ml.de/

Erweiterung des Lahder Kraftwerk-Betriebes 

"Bisher bereits über 2000" Einwender!" So hieß es in einer der beiden Postwurfsendung von 1992, in der die BUND-Ortsgruppe Petershagen über die drohenden Schadstoffemissionen und Möglichkeiten der Öffentlichkeitsbeteiligung (Einwendung, Erörterungstermin) informierte. Sie lief Sturm gegen eine weitere Belastung der Region durch das Kraftwerk Heyden in Lahde. Petershagen habe schon eine hohe Grundbelastung, z.B. Münchehagen, Deponie Heisterholz, Deponie Pohlsche Heide, Nitrat im Grundwasser, Weserverschmutzung, Kraftwerk usw. Die Bevölkerung wehrte sich u.a. mit Einwendungen wie diese: In unserem vom Grundwasser über die Böden bis zur Luft belasteten Heimatraum (siehe z.B. die Leukämie-Blutkrebsstudie 1990) lehnen wir jegliche Erhöhung der Feuerungsleistung ab! Die Emissionen sind gesundheitsgefährdend, eine Steigerung ist unerträglich.
Die große Öffentlichkeitsbeteiligung konnte die Erweiterung des Kraftwerk-Betriebes zwar nicht verhindern, hatte aber zur Folge, dass das neue Kraftwerk Heyden seinerzeit als das modernste Kohlekraftwerk Europas mit den schärfsten Umweltauflagen galt.

 

Mahnmal auf dem Sperrgrundstück in Quetzen (Foto: W. Battermann)

Standortsuche für eine Sondermüllanlage in Petershagen und Region 

Nachdem bekannt wurde, dass als mögliche Standorte für eine Sondermülldeponie die Stadt Petershagen und der Umkreis in Frage kommen sollten, gründete sich am 23. September 1992 mit zunächst 79 Mitgliedern im Dorfgemeinschaftshaus Petershagen-Rosenhagen die Bürgerinitiative "Stoppt den Giftmüll e.V." Wenige Tage später zählte der Verein schon mehrere Tausend Mitglieder. Mit den Bürgerinnen und Bürgern teilte der BUND die Sorge um die Auswirkungen einer Giftmülldeponie. In der Folgezeit gelang es BI und BUND die Standortsuche zu beenden. Unvorstellbar heute und gestern: Geplant war eine Hochdeponie auf 30 Hektar und mit einer Höhe von 40 m! In 20 Jahren sollten 3,1 Mill. m³ Giftmüll abgelagert werden.

Sperrgrundstücke und Mahnmal
Flächen in Rosenhagen und Quetzen galten als Favoriten für einen möglichen Deponiestandort. Um den Erwerb der Flächen für diesen Zweck zu erschweren,  bildeten BI-Mitglieder „Kauf-Gemeinschaften“ und erwarben Sperrgrundstücke in den betroffenen Gebieten. Außerdem bekundeten sie gemeinsam zu klagen, falls das Vorhaben konkret werden sollte. Diese Sperrgrundstücke gibt es auch heute noch. Die Fläche in Rosenhagen wird weiterhin landwirtschaftlich genutzt. Die Miteigentümer des Sperrgrundstückes in Quetzen beschlossen, ein Biotop anzulegen. Auf dem Natur belassenen Grundstück erinnert eine Tafel an den Bürgerprotest von 1992/93. Außerdem befindet sich dort ein Denkmal, das von Oberstufenschülern des Gymnasiums Petershagen erstellt worden ist. Drei Menschen versuchen einen Kegel, der die Welt symbolisiert, in Gleichgewicht zu halten. Tafel und Denkmal mahnen, wachsam zu bleiben für eventuelle zukünftige Deponievorhaben und weitere Bedrohungen für Mensch, Tier und Umwelt.

Giftmülldeponie Münchehagen

In Petershagen-Bierde fällt 1978 ein Fischsterben auf. Vergiftete Abwässer von der Giftmülldeponie im niedersächsischen Nachbarort Münchehagen waren über die Flüsse  Ils und Gehle in die Teiche geflossen, wo das Fischsterben auftrat. „Die Zeit“ berichtet 1980 über die Auswirkungen der Deponie Münchehagen: „Erst  starben in einem Bach die Fische, dann begann ein Kiefernwald zu verkümmern, schließlich verendeten auf einer Weide drei Rinder. Das alles geschah im Umkreis zweier Giftmülldeponien, von denen die eine stillgelegt und seitdem herrenlos ist, während die andere  unter Ausschluß der  Öffentlichkeit offiziell genehmigt wurde.“ In die Sondermülldeponie Münchehagen wurden bis zur Stilllegung im Jahre 1983 mehrere Tausend Tonnen giftiger Stoffe eingelagert, u.a. dioxinhaltige Flugasche aus Müllverbrennungsanlagen. Jahrzehntelang stand dieser Umweltskandal regelmäßig in der Presse. Die BUND-Ortsgruppe Petershagen war vor allem wegen der Einflüsse auf Grund- und Oberflächenwasser gefordert, sich mit der Problematik zu beschäftigen. Die Bürgerinitiative "Stoppt den Giftmüll" setzt sich bis heute mit der Altlast auseinander. Die Münchehagen-Story von Peter Thiele fasst die Ereignisse um diesen Umweltskandal eindrucksvoll zusammen: Die Münchehagen-Story

weitere Links:
DIE ZEIT, August 1980: „Wo Bäume sterben und Fische verenden hier
You Tube: Tag der Offenen Tür auf der Deponie Münchehagen im Mai 2014 hier
Die Grünen Rehburg-Loccum: Die Giftmülldeponie Münchehagen von 1978 bis heute hier    

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